Hochsensibel | Hochsensibilität 

Ein kleiner Einblick in den Anfang meiner Geschichte – mit diesem Begriff und diesem Wesenszug.

Hochsensibilität ist eine Persönlichkeitseigenschaft, bei der Menschen Reize in ihrer Umwelt und ihre eigenen körperlichen und emotionalen Empfindungen intensiver wahrnehmen und verarbeiten. Dies kann zu einer tiefgründigen Verarbeitung von Eindrücken, einer erhöhten Empfänglichkeit für subtile Nuancen und eine stärkere emotionale Reaktion führen, kann aber auch leicht zu Überforderung und dem Bedürfnis nach Rückzug führen. 

(Google)

Das Wort „Hochsensibilität“ kann helfen aber auch falsche Vorstellungen erzeugen.

Ein Wort, das mir immer noch fremd ist und mit dem ich hadere. Aber… trotzdem ein Wort, das helfen kann, gewisse Menschen zusammenzubringen und zu erreichen. Das hoffe ich zumdindest. Etwas voneinander zu lernen, auch wenn sich diese Art wahrzunehmen sehr unterschiedlich äußert.

Ich bitte darum, keine vorschnellen Schlüsse zu ziehen. Es ist mir z. B. schon ein paar Mal passiert, dass sich Leute sehr genervt äußerten, wenn sich Menschen als hochsensibel bezeichneten.

Einmal kam jemand zu mir in die Massage und nachdem ich fragte, an was wir arbeiten wollen / wo ihre Problemstellen seien.., sagte sie nur mit passiv-aggressivem Ton: „Du bist doch hochsensibel, du spürst das doch!“ Danach sollte ich sie 80 Minuten massieren. Guter Start. Und ehrlich gesagt kam sie nie wieder. Wahrscheinlich war ihr Verständnis von „Hochsensibilität“ etwas anderes als das, was ich darunter verstehe. Andere haben schnell das Gefühl, man wolle sich damit einfach über sie stellen und/oder sich zu sehr hervorheben. Was ja eine naheliegende Interpretation ist in dieser doch sehr aufmerksamkeitsgierigen Welt. Darum soll es mir hier ausdrücklich nicht gehen. Es ist zwar meine Geschichte, aber ich hoffe, dass sie Menschen hilft, sich etwas besser selbst zu reflektieren und Dinge auszuprobieren, die ihnen hoffentlich helfen. Und vielleicht gewisse Vorstellungen loszulassen und gewisse Bemerkungen nicht vor der Massage zu machen. 🙂

Ein kleiner Einblick in meine persönliche Geschichte mit dieser Eigenschaft.

Mit ca. 20 Jahren war ich gerade dabei, mein Abitur für Erwachsene nachzuholen, bis mir etwas passierte, was ich wirklich so gar nicht erwartet hatte.

Von einem Tag auf den anderen Tag wurde ich wahnsinnig sensibel für äußere Reize. Diese wirkten sich sehr schnell auf alle möglichen körperlichen Empfindungen aus und veränderten diese. So konnte ich z. B. vor einem Baum stehen und es fing an, in meinem Kopf zu kribbeln oder in den Händen. Viele Sinneseindrücke verstärkten sich sehr angenehm und wurden auch in andere Wahrnehmungsformen „übersetzt“, was lustig und schön war. Andere Sinneswahrnehmungen wirkten sich jedoch eher unangenehm auf mein Körperempfinden aus. So bekam ich z. B. Schmerzen bei manchen Lehrern, bei bestimmten Geräuschen oder andere Reize vernebelten mein Empfinden oder setzten sich wie ein Helm auf meinen Kopf – das fühlte sich ungefähr so an, als würde sich ein seltsamer Magnet am Kopf zu schaffen machen. Dies nur als kleiner Einblick in die damalige Wahrnehmungswelt des unerfahrenen, jungen Andreas. Er fühlte sich in ein anderes Universum geschossen.

Sehr verwirrt und überfordert ging ich zu einer Ärztin in der Straße unter der Schule. Diese sagte mir irgendwann: „Sie sind hochsensibel“, schrieb mich daraufhin krank und empfahl mir eine sogenannte spirituelle Heilerin. Heute bin ich der Ärztin einerseits dankbar, dass sie diese Wahrnehmungsform kannte, aber der spirituelle Weg (zumindest wie er sich mir in der Zeit präsentierte) war in vielerlei Hinsicht leider nicht das, was ich brauchte. Letztlich war ich über ein halbes Jahr krankgeschrieben und versuchte sehr viele Wege, um mit der Hochsensibilität klarzukommen.

Dass dieser Begriff durchaus auch romantisiert wird, trägt eher zu einem Missverständnis bei und hat diesen Wesenszug einen zu großen Teil meiner Identität werden lassen. Was es mir erschwerte, besser damit umzugehen.

Leider führte diese Art, die Welt zu erfahren, dazu, dass ich sehr offen für alle möglichen Theorien war und sich alles, was mir Verständnis und irgendwelche Tools gab, erstmal gut anfühlte. Zudem hatte dieses neue, körperlich so tief Empfinden eine Art Unschuld, die mich mein Wahrnehmen nicht hinterfragen ließ. Schließlich kam diese vollkommen neue Form des Lebens nicht mit einer Anleitung. Erst viel später fand ich heraus, wie sich unbewusste Interpretationen und Gedanken auf meinen Körper auswirkten, und ich musste lernen, dass ich schon sehr sensibel für vieles war – hochsensibel –, aber eine tiefe Sensibilität für mich und mein Gefühls- und Gedankenleben hatte ich nicht. Hochsensibel bedeutet eben nicht für alles und überall und für sich selber.

Bei den „Heilern“ ging es sehr schnell um einen Schutz, den ich mir aufbauen sollte. Gegen „schlechte“ Energien, um Reinigungsrituale und Abgrenzung. Was ich, aus der heutigen Sicht, gebraucht hätte, wäre eher eine gute Expositionstherapie – die Reize mit einem Gefühl der Sicherheit erleben, um neue neuronale Netzwerke zu schaffen und anders mit ihnen umgehen zu können und gute Tools, um meine emotionale Welt besser zu verstehen und aufzuräumen. Die immer stärker werdende Abschirmung von den Reizen hat diese Überforderung nur noch verstärkt und ihnen dadurch mehr Macht gegeben als sie ohnehin schon hatten. Zudem wurde die „gefährliche“ Bedeutung durch viele Theorien dieser „Heiler“, die ich auf diesem Weg kennenlernte, noch verstärkt und dadurch auch meine körperlichen Wahrnehmungen. Leider übernahmen sehr schnell die unangenehmen Teile dieser Sensibilität.

Traue nicht allem was die fühlst

Mit diesem Thema möchte ich erstmal enden. Denn da scheint mir eine der grössten Lektionen dieser Zeit zu liegen und die, meiner Einschätzung nach, zu kurz kommt.

Nur weil du etwas körperlich spürst muss deine Interpretation, die du daraus ziehst, nicht stimmen. Dadurch dass ich es so körperlich spürte war es sogar besonders schwer, die Gedanken und Interpretationen dahinter bewusst zu machen. Da ich so abgelenkt von all den Eindrücken war.

Intuition ist ein Wort, das im Zusammenhang mit Hochsensibilität immer wieder fällt. Ich habe schon oft gelesen oder gehört, dass Hochsensible eine besonders gute Intuition hätten. Mir hat der Wesenszug auch oft meine gesunde Intuition verstellt, und oft finde ich erst später heraus, dass einfach tiefere Gedankenmuster mir dieses Gefühl beschert haben zusammen mit den Sinneseindrücken.

An diese inneren Welten von Gedanken, Emotionen, Interpretationen .. heranzukommen, war jahrelange Arbeit, und deswegen bin ich sehr vorsichtig mit dem Wort Intuition.

Ich fühlte mich einfach durchlässig und war ein Spielball der äußeren Reize geworden, die mein Leben bestimmten, über Jahre. Ich und die freie Wahrnehmung von meiner Innenwelt ging eher unter, in dieser Sinnesflut.

Heute habe ich Tools gefunden, die bodenständig sind, mir Freiheit geben und Unabhängigkeit. Ich kann mich den positiven Seiten der Hochsensibilität hingeben ohne im Supermarkt, in einer Reizüberflutung, den Überblick zu verlieren. Es hat immer noch seine Herausforderungen, klar. Aber ich habe viel gelernt und hoffe sehr, dass ich Menschen einige Erfahrungen ersparen kann.

Ich hoffe sehr, dass dieser Einblick geholfen hat und ich einen produktiven Input zu dem Thema geben konnte. Für Fragen und Anregungen bin ich offen.

Alles Gute und bis bald,

Andreas

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